Zu dem Punkt, dass mit der Beschneidung ein religiöser "Stempel" aufgedrückt würde: Die Beschneidung an sich macht einen Jungen/Mann ja nicht zum Juden und sie hindert auch niemanden daran, einer anderen Religion beizutreten oder atheistisch zu leben. (Und Eltern erziehen ihre Kinder
nie im weltanschaulich luftleeren Raum, sondern prägen sie immer im Sinne der eigenen Weltanschauung.) Andersherum hindert ein Beschneidungsverbot aber viele Gläubige daran, ihre Kinder in ihrem Glauben aufzuziehen und schränkt dadurch die Religionsfreiheit und das Elternrecht ein, beides Grundrechte.
Was das Recht auf körperliche Unversehrtheit angeht, finde ich es schwierig, abzuwägen. In jedem Fall finde ich es aber falsch, die Beschneidung als barbarischen Akt zu verteufeln oder mit Abtreibungen zu vergleichen (ganz unabhängig von der Einstellung zu Beschneidung und Abtreibung). Es ist - bei entsprechenden medizinischen Standards - meines Wissens ein sehr harmloser Eingriff, der außerdem aus hygienischen Gründen viele Fürsprecher hat (zum Beispiel die WHO, die 2007 männliche Beschneidung als Präventionsmaßnahme empfahl, um das Risiko von HIV-Infektionen bei Männern zu senken).
Die Diskussion für oder wider Beschneidung wurde übrigens ohne religiösen Schwerpunkt schon mal im Thread
Ist Dein Mann beschnitten? geführt, damals haben sich auch einige für Beschneidungen ausgesprochen.
Der Zentralrat der Juden hat einige religiöse, rechtliche und medizinische
Argumente für die Beschneidung zusammengestellt. Eine rechtliche Beurteilung von Religionsfreiheit vs. Recht auf körperliche Unversehrtheit vs. Elternrecht steht auf S. 3-4. Und in der Jüdischen Allgemeinen argumentiert eine Urologin, die gleichzeitig Mohelet und Rabbinerin ist,
pro Beschneidung.