Ah, langsam verstehe ich Dein Problem, glaube ich.
Dina hat geschrieben:
Meine Irritation kommt einfach daher, dass ich bisher angenommen hab, der Graaf-Follikel hemmt alle anderen Eizellen soweit, dass diese sich eben nicht weiter entwicklen können. Geht der Graaf-Follikel zu Grunde, ohne gesprungen zu sein, bin ich bisher davon ausgegangen, dass eben nicht einfach eine der anderen weitermachen kann, weil die quasi den richtigen Zeitpunkt verpasst haben.
Nein, die Hemmung der anderen durch den dominanten Follikel besteht nur so lange, wie der auch da und dominant ist. Wird er z.B. vor der Ovulation experimentell entfernt, kann ein anderer aus der selben Kohorte nachrücken. Ebenso ist es aber auch möglich, dass eine komplett neue Follikelwelle übernimmt, es kommt also beides vor.
Dina hat geschrieben:
Besonders irritierend finde ich, dass du davon ausgehst, dass da tatsächlich eine Eizelle mehrere Tage in der Entwicklung hinter dem Graaf-Follikel her hinkt, [...]
Ich muss mich wirklich sehr irreführend ausdrücken, davon gehe ich nämlich keineswegs aus! Der zweite Follikel kann ja gar nicht "hinterherhinken", denn wenn der erste schon gesprungen ist, stimmt dafür ja das hormonelle Profil gar nicht mehr. Letztlich ist die Interpretation dieses Follikels Kaffeesatzleserei, denn wenn man nicht mehrmals schallt, kann man einfach nicht sicher sein, wie die Entwicklung der jeweiligen Follikel aussah. War der gesehene schon mal größer und befindet sich in Rückbildung? Wollte er mal eine Zyste werden? Das kann niemand sagen.
Dina hat geschrieben:
[...]vor allem im Zusammenhang mit Brashkes Kurve und den Messungen des Arztes hätten wir dann ja, eine gesprungene Eizelle und einen fast sprungreifen Follikel. Soweit ich weiß, kommen doppelte Eisprünge aber nur im Abstand von einigen Stunden, nicht von einigen Tagen vor.
Ich halte es praktisch für unmöglich, dass der Follikel, der im Ultraschall gesehen wurde, "fast sprungreif" war. Dafür wäre er zu klein gewesen, und in Anbetracht der Kurve wäre es sehr unwahrscheinlich, dass er nach der Ovulation weiter wächst.
Wie gesagt kommt es aber häufiger vor, dass ein anderer Follikel nicht komplett gehemmt wird und mitwächst. Wenn beide gleich reif sind, kann es dann zu Mehrlingsschwangerschaften kommen, wenn einer weiter ist als der andere, geht der zweite eben erst nach der Ovulation des ersten komplett in Atresie. Wahrscheinlich liegt so etwas an der Verteilung von FSH- und Inhibinrezeptoren, aber es ist leider noch nicht eindeutig geklärt...in der Realität verhalten sich unsere Eierstöcke eben nicht immer so wie auf den Schemazeichnungen der Lehrbücher.

(Womit ich nicht sagen will, dass Du davon ausgegangen wärst.) Damit wird die Lehrmeinung (für den "Durchschnitt") natürlich nicht falscher - es ist eben ähnlich wie mit der Geschichte von der Zyklusdauer: nur, weil in den Büchern und Schemata meist von 28-Tage-Zyklen die Rede ist, heißt das ja nicht, dass es andere nicht gibt. Und nur, weil die Follikelentwicklung "in Idealfall" so läuft wie in den üblichen Darstellungen, sind andere Verläufe trotzdem möglich und auch üblich - aber irgendwie vereinfachen muss man ja, sonst kann das ja keiner mehr lesen!
Wird jetzt klarer, was ich meine?