Ich schubse diesen Faden mal, da an anderer Stelle gerade über Johanna Haarer diskutiert wird. Ich habe überlegt, ob ich was eigenes aufmachen soll, aber ich glaube, es braucht keine zwei Fäden, zumal das Thema ja auch in diesem kurzen Thread schon bald von dem Interview mit der Tochter weg hin zu einer allgemeinen Diskussion um Haarer ging. Eventuell passe ich aber mal den Titel an (und verschiebe in ein anderes UF), je nach dem, wie sich das jetzt entwickelt (ich hatte allgemein in Richtung "Johanna Haarer oder: Erziehung im Wandel der Zeit" oder so überlegt?

).
Auf jeden Fall wollte ich auf den Blog "Geschichte der Säuglingspflege" verlinken, dort gibt es den Artikel:
"Die Haarer ist Schuld! Oder etwa nicht?"Da geht es zum einen darum, ob diese ganzen "schreien lassen, bloß nicht verwöhnen, blablabla" Mantras tatsächlich aus der Nazizeit und von Johanna Haarer stammen, außerdem geht er auf die Hintergründe ein, vor denen einige Ratschläge entstanden sind. Und der Artikel thematisiert, was es mit heutigen Eltern macht, die sich an Methoden dieser Art orientieren und denen dann ein "Nazimethoden!!!" um die Ohren gehauen wird.
Ich zitiere mal ein bisschen:
Zitat:
Wann immer jemand heute fragt, "Warum sind wir so kinderfeindlich? Seit wann ist das Kind der Feind?", kann man daher darauf wetten, dass jemand antwortet "Die Haarer ist Schuld!".
Es ist ja schön, einen Sündenbock zu haben, doch damit macht man es sich viel zu einfach. Weder hat Johanna Haarer die "NS-Erziehung" erfunden (wenn man überhaupt von einer solchen reden kann), noch war sie die einzige, die diesen Erziehungsstil gepredigt hat. Im Gegenteil bliesen alle Erziehungsratgeber der NS-Zeit in dasselbe Horn. Und das waren nicht wenige. Zu keiner Zeit zuvor wurden so viele Erziehungsratgeber veröffentlicht wie zur NS-Zeit.
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Ich lebe in England. Wenn ich hier frage "Seit wann ist das Kind der Feind?", bekomme ich als Antwort "Victorian times". Das ist zwar auch nicht die eine wahre Antwort (gibt es die überhaupt?), aber es kommt der Wahrheit schon näher als "seit Haarer und den Nazis".
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Im Deutschen Kaiserreich (1871-1918) kam dann der endgültige Umschwung. Der Ton in den Erziehungsratgebern änderte sich zu dieser Zeit drastisch. Er wird gebieterisch und distanziert. Begriffe wie "Affenliebe" und "Tyrann", die später Johanna Haarer benutzt, fallen auch jetzt schon. So beispielsweise bei Walther Kaupe 1907: "Wir dürfen nicht den Eigenwillen des Säuglings zu unserem Tyrannen werden lassen, und jede Mutter, die dies aus einer gewissen Affenliebe heraus täte, würde ihrem Kindchen nicht nur, wie besprochen, körperlich schaden, sondern auch vor allem seinem Charakter eine Richtung geben, deren sie später nicht wieder Meister zu werden vermöchte und die dem jungen und selbst erwachsenen Menschen nur Leid, Gegner und Ärger zuführen würde." (Der Säugling - seine Ernährung und seine Pflege, S.109f)
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Nicht einmal die Menschen im Dritten Reich haben diese Methoden angewendet mit dem Zweck "Kanonenfutter zu züchten" oder "die Kinder ihren Müttern zu entfremden". Es mag schwer zu glauben sein, doch wollten auch diese Eltern nur das Beste für ihre Kinder. Wir sind heute in der Position, dieses "Beste" als inhuman und inakzeptabel erkannt zu haben. Im Nachhinein lässt es sich leicht (ver-)urteilen, doch damals war das hochmodern und wissenschaftlich. Und nicht nur für Deutschland, das möchte ich wiederholen!
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Mit der Haarer und den Nazis um sich zu schmeißen ist keine Aufklärung. Das ist eine Beleidigung.
Ich finde das Thema sehr spannend und würde mich auch freuen, wenn die ein oder andere Einblicke in andere Länder hätte. Soweit ich weiß, herrscht zb in den USA oder auch Frankreich die "das Kind ist der Feind" (ich übernehm das mal so aus dem Text) Haltung noch um einiges mehr vor als bei uns, oder?