Estreya hat geschrieben:
Würden Babies/Kleinkinder tätowiert und gepierct gäbe es auch einen Aufschrei in der Bevölkerung!
Ein Kind möchte sich später außerdem vielleicht von dieser Kultur distanzieren und ist für immer gebrandmarkt.
Es lassen doch aber viele Eltern ihren kleinen Töchtern Ohrlöcher stechen/schiessen. Ganz ohne Aufschrei in der Bevölkerung. - Moment, habe grade weitergelesen, in D ist das offenbar verboten. In der CH weiss ich es nicht, aber Fakt ist, dass viele eher kleine Mädchen hierzulande Ohrlöcher haben. Zu diesem Aspekt finde ich weiterführend auch
dieses Posting von Dina sehr interessant.
Ich bin da total hin- und hergerissen und finde das Thema sehr schwierig. Grundsätzlich lehne ich körperliche, medizinisch nicht notwendige Eingriffe ab und stelle das Recht auf körperliche Unversehrtheit höher als das auf freie Religionsübung, aber ich denke auch, dass ich als Agnostikerin das Thema nicht wirklich nachvollziehen kann, also grade die Bedeutung für die jüdische Gemeinschaft, wo (las ich in einem Interview) die Beschneidung sehr wichtig ist und auch im Exil ein wichtiges Ritual war, um sich etwas zu bewahren von der Religionsausübung, ein identitätsstiftendes Element also. Ich lehne allerdings auch die Kindstaufe ab, die ja eine ähnliche Funktion erfüllt für manche Christen/innen, bin da aber nicht für ein Verbot.
Mein aufgrund einer Phimose im Alter von 5 oder 6 beschnittener Freund zuckte mit den Schultern und meinte: "Ich weiss nicht, was daran (= Beschneidung) schlimm sein soll."
Ich unterscheide aber sehr stark zwischen der Beschneidung der Vorhaut bei Jungen und der Beschneidung bei Mädchen (das, was so gängig darunter verstanden wird, ich wusste nicht, dass es da auch sehr viel kleinere Eingriffe gibt), das ist mE nicht vergleichbar, eine Penisvorhautbeschneidung stellt in meinem Verständnis keine Verstümmelung dar und verläuft in den meisten Fällen eher problemlos, so viel ich weiss, bei Mädchenbeschneidungen ist das allermeistens nicht so. Zudem sehe ich die Mädchenbeschneidung als Mittel, um Frauen zu unterdrücken und dass zum Beispiel in der jüdischen Kultur Männer mithilfe der Vorhautbeschneidung unterdrückt werden (mal abgesehen evtl. vom Eingriff selber) sehe ich bisher nicht oder nicht so stark.
Ich finde aber, ich kann und darf mir durchaus eine Meinung bilden auch über Dinge ausserhalb meiner Kultur, das ist ja bei Gesetzen fast immer so, dass sie von verschiedenen Kulturen/Religionen unterschiedlich bewertet werden. Generell finde ich es gut, dass es nun einen öffentlichen Diskurs gibt zu dem Thema, auch wenn der (von beiden Seiten her) oft ins Niveaulose abgleitet, leider.
Medizinische Gründe wie Hygiene usw. widerstreben mir allerdings als Argument für die Beschneidung, das ist mir irgendwie zu sehr "in die Natur gepfuscht zur Prävention". Andrerseits, klar, es wird ja auch zur Prävention geimpft und teilweise operiert usw. und da bin ich nicht für ein Verbot, obwohl ich sehr impf und Präventions-OP-kritisch bin.
Interessant finde ich, dass einige Spitäler in der Schweiz (das Kinderspital Zürich z.B.) jetzt warten bis die Sache in D geklärt ist, bevor sie weiterhin beschneiden (also ein Moratorium). Das hat sich in der Presse sehr verlaufen, obwohl das doch für einige Juden hier problematisch sein müsste (8 Tage sind ja keine lange Zeit). Schade, dass
das wiederum hierzulande kaum diskutiert wird. Ich habe etwas recherchiert, im Kispi Zürich wird wieder beschnitten, allerdings müssen beide Elternteile einverstanden sein und das Kindeswohl wird abgewägt. Was auch immer das en detail bedeuten soll.
Was mich nun interessiert ist die Sache mit der Betäubung: Wird nun meist betäubt oder nicht und wäre es gegen religiöse Vorschriften, eine Betäubung vorzuschreiben (die ich für nötig halte)? Da werde ich sicher noch recherchieren. Und freue mich auch, wenn jemand, der das weiss, hier schreibt.
Nachträglich möchte ich noch anfügen, das ich weiss, dass auch muslimische Jungen beschnitten werden, da ich da aber noch viel weniger drüber weiss, habe ich in meinem Posting nicht darüber geschrieben.