Ich tendiere auch ziemlich zur Körperverletzung-Seite; das mag aber stark damit zusammenhängen, dass ich selbst völlig unreligiös bin und es mir unheimlich schwer fällt, Verständnis für derlei religiöse Traditionen zu entwickeln. Besonders, wenn es dabei um nicht selbstbestimmte körperliche Eingriffe bei Kindern geht.
Interessant find ich auch, wie unterschiedlich die Diskussionsrunde bei Anne Will wahrgenommen wird, da schrieb ja eine Userin sehr positiv über die beiden Pro-Beschneidung-TeilnehmerInnen; hab mir gerade die gesamte Sendung angeschaut (Danke für´s Verlinken!

) und fand die beiden ganz furchtbar: Der Rabbiner ist nicht über sein Argument, die Beschneidung sei das größte Geschenk und Basis des jüdischen Glaubens und darum essentiell wichtig, hinaus gekommen. Und die muslimische Autorin hat permanent völlig absurde Vergleiche gebracht (ich sage nur Krippen

) und konnte ebenfalls kein -
für mich - plausibles Argument liefern. Dagegen fand ich die Argumente von Seyran Ates (Männlichkeitskult) super und vor allem über weite Strecken sehr sachlich.
Ich denke, das hat unheimlich viel mit Glaube haben oder nicht haben zu tun; auf dem Hintergrund der Geschichte der jüdischen Gemeinde kann ich durchaus nachvollziehen, dass dieser Ritus, der ja wahnsinnig wichtig zu sein scheint, auch was identitätsstiftendes hat und Kritik daran, die Richtung Verbot geht, als Versuch zur -sinngemäßes Zitat von Rabbiner Ehrenberg- "Ausrottung des jüdischen Glaubens" empfunden wird.
Von meinem atheistischen Standpunkt aus kann ich die Bedeutung solcher Riten überhaupt nicht nachvollziehen, für mich hat das Recht auf körperliche Unversehrtheit an dieser Stelle mehr Gewicht. Und wenn auf die Beschneidung nicht verzichtet werden soll, dann kann das mM auch eben dann stattfinden, wenn ein Kind alt genug ist, selbst entscheiden zu können. Und zwar weitgehend frei, ohne massiven sozialen Druck.
Das funktioniert zumindest für´s Judentum natürlich nicht, weil damit die religiöse und biblische Begründung wegfiele; ich betrachte es aber ohnehin als äußerst kritisch, wenn solche Bräuche strikt mit jahrtausende alten Schriften begründet werden (unabhängig ob Christentum, Islam,Judentum etc.), denn mit ebendiesen Schriften ließen sich noch ganz andere Dinge begründen (Steinigung Homosexueller z.b., nachzulesen im Buch Onan). Und da dann abzugrenzen, was übernommen wird und was nicht ist doch arg schwierig.
