Das Buch, von einer italienischen Hebamme geschrieben, ist vielleicht nicht für jeden etwas, dieser Auszug hier aber bestimmt zumindest für die Schwangeren:
Zitat:
Der Schmerz als Führer durch die Geburt, als Beschützer von Mutter und Kind
Es ist die physiologische Aufgabe des Schmerzes, den Körper vor Schaden zu bewahren, in dem er im Falle eines Angriffs ein Alarmsignal darstellt und damit dem Angegriffenen hilft, schnell und angemessen zu handeln und sich damit der Gefahr zu entziehen (z.B. den verbrannten Finger auf dem Feuer ziehen). Schmerz macht also aktiv!
Die Öffnung der normalerweise geschlossenen und den Körper schützenden Gewebe (Gebärmutterhals/Beckenboden) und der starke Druck auf die Gelenke und Nerven im Ileosakralbereich, der vom Kind beim Tiefertreten ausgeübt wird, sind nicht ungefährlich - weder für die Mutter noch für das Kind. Der Schmerz stellt also einen wertvollen Führer dar, indem er die Gefahren anzeigt und die Mutter in die Lage versetzt, den Zustand durch Handeln zu verändern.
Die unumgängliche physiologische Reaktion auf Schmerz ist also Bewegung. Wenn die Frau nicht die Möglichkeit hat, sich spontan und ungehindert zu bewegen, wird die Schmerzerfahrung ein Martyrium und ist nicht zu rechtfertigen.
Die Freiheit, sich zu bewegen, erlaubt es der Gebärenden, instinktiv die Position einzunehmen, die den Schmerz erträglicher machen. Das sind diejenigen Haltungen, die den geringsten Wiederstand und Druck auf den kindlichen Kopf ausüben.
Indem die Mutter sich damit selbst vor Schäden am Becken, am Muttermund und am Beckenboden schützt, bewahrt sie auch ihr Kind vor Fehleinstellungen und übermäßigem Druck auf seinen Kopf. Sie verringert damit den fötalen Stress und das Risiko eines Sauerstoffmangels. Der Schmerz stimuliert die Ausschüttung von Endorphinen. Diese finden sich in hoher Konzentration im Fruchtwasser, um auch das Kind vor Schmerz und Trauma zu schützen.
Oft können Frauen unter der Geburt nur ganz bestimmte Positionen ertragen, manchmal genau jene, die ihnen im Vorbereitungskurs oder sonst in der Schwangerschaft am wenigsten geeignet schienen - aber der Geburtsschmerz ist sehr eindeutig in seinen Anweisungen.
Der Schmerz führt durch den Geburtsverlauf, er zeigt der Frau den WEg und das passende Verhalten und hilft ihr durch die körperlichen Empfindungen bei der Orientierung, an welchem Punkt der Geburt sie sich gerade befindet.
Der Schmerz als Regulator beim Tiefertreten des Kopfes und als Ausdruck der Trennung vom Kind
Diese Funktion betrifft offensichtlich sowohl die körperliche als auch die psychische Ebene.
Eines der währen dder Geburt am intensivsten erlebten Gefühle ist die Notwendigkeit, das Kind loszulassen - die Trennung vom Kind, das gleichzeitig Teil der Frau ist und doch auch eine eigenständige Person, das in ihrer Vorstellung und Fatansie lebt und gleichzeitig auch in der Realität.
Die Art und Weise, wie die Gebärende diese Trennungserfahrung erlebt, bestimmt auch die Art und Weise und die Dauer, die das Kind braucht, um seinen Weg durch Becken zu finden.
Die Trennung von einem Teil unserer Selbst oder von jemandem, der uns sehr nahe steht, ist immer schmerzhaft, schwierig und oft unfreiwillig. Bei der Geburt ist sie gleichzeitig ersehnt und gefürchtet. Das neu geborene Kind kann der Frau fremd sein und ein wenig Angst machen oder vertraut sein und freudig angenommen werden.
Der Schmerz hat zum einen die Funktion, die Frau ohne Ausweg in Richtung Trennung zu bewegen, eine Richtung, in die sie sich vielleicht freiwillig niemals bewegen würde. Er macht ihr deutlich, dass die Geburt unausweichlich und notwendig ist und konzentriert alle Aufmerksamkeit der Frau auf diesen Prozess, lässt ihr keinen Fluchtweg offen, ausser dem, die Aufgabe in Angriff zu nehemn. Gleichzeitig ist der Schmerz selbst Ausdruck und Ventil für das emotionale Leiden, das die Trennung auslöst.
Der Schmerz bestimmt das Tempo, und Zeit ist bei Trennungsprozessen ein wichtiger Faktor und individuell sehr verschieden. Je größer die Intensität der Wehen, desto schneller vollzieht sich die Trennung. Reduziert man die Schmerzintensität durch die Gabe von Medikamenten, so wird die Trennung weniger dringend und kann länger dauern.
Auch hier kann die Hebamme eine wichtige Aufgabe übernehmen, um diesen Prozess zu erleichtern. Das Loslassen des Kindes wird einfacher, wenn bereits während der Schwangerschaft eine gute Bindung zwischen Mutter und Kind aufgebaut wurde. Die Hebamme kann den inneren Dialog zwischen den beiden fördern und damit das Kind mehr in den Mittepunkt stellen, sodass es der Mutter vertrauter wird, weniger fremd und nicht nur in ihrer Vorstellung existiert. Je besser die Kommunikation zwischen Mutter und Kind funktioniert, desto fließender gestaltet sich die Trennung, desto schneller verläuft die Geburt und und desto geringer wird der Schmerz empfunden.
Quelle: Der Geburtsschmerz - Verena Schmid, Hippokrates Verlag