in diesem thread ging es um die Frage , wie es möglich sein könne, dass eine niedrige Abgabe von Hormonen aus einer in den Uterus eingesetzten Spirale eine stärkere hormonelle Wirkung entfalten kann als die viel höhere Dosierung gebräuchlicher oraler Antikontrazeptiva.
Ich hielt es schon, seit ich mich mit der Hormonthematik beschäftige, für möglich, dass niedrige Dosierungen von Fremdhormonen eine stärkere Wirkung entfalten könnten als höhere. Bisher hatte ich keinen Beweis für diese Vermutung. Ich habe inzwischen jedoch Hinweise darauf gefunden, die meinen Verdacht stützen.
Hier der entsprechende Abschnitt aus "Our stolen Future" von Theo Colborn/Diane Dumanoski/Pete Myers. Die Autoren sind der Auffassung, dass die Beobachtungen aus Tierversuchen über eine nicht-lineare Abhängigkeit des Wirkungspotentials von Hormonen zur Dosis auf alle Spezies verallgemeinert werden können. Die Autoren gehen zunächst auf die Beweiskraft von Tierversuchen ein, und inwiefern diese auf den Menschen übertragbar sind.
"Die bedrohte Zukunft", deutsche Ausgabe, S. 235 - 237 hat geschrieben:
Dennoch bezweifeln manche Skeptiker, dass Tierstudien ein geeignetes Mittel seien, um die dem Menschen drohenden Gefahren vorauszusehen. Dass Mäuse keine kleinen Menschen seien, wird wie ein Refrain in der laufenden Debatte ständig wiederholt, wenn es darum geht, inwieweit Tests an Tieren wirklich genau vorhersagen, ob eine chemische Verbindung für den Menschen ein Krebsrisiko darstellt. Kritiker prangern zudem viele Testverfahren an, weil in ihnen unrealistisch hohe Dosen eingesetzt würden - so sei beispielsweise Mäusen zur Beantwortung der Frage, ob DDT krebserzeugend sei, die achthuntertfache Menge dessen verabreicht worden, womit der Durchschnittsmensch normalerweise konfrontiert würde.
Wie verdienstvoll solche Kritik auch im Hinblick auf Tests zum krebserzeugenden Potential chemischer Verbindungen sein mag, für den Einsatz von Tieren bei der Untersuchung von Substanzen, die möglicherweise ins endokrine System eingreifen, hat sie wenig Bedeutung. Da die Wissenschaft über die grundlegenden Mechanismen, die zur Entstehung von Krebs führen, nur unvollkommen Bescheid weiß, gibt es bei der Übertragung der Ergebnisse von einer Art zur anderen zugegebenermaßen Unsicherheiten. Was Hormone betrifft, so hat man hingegen ein ausgesprochen gutes Verständnis von deren Wirkungsweise und den hieran beteiligten Mechanismen. Man weiß, wie chemische Botschaften ausgesandt und empfangen werden und wie manche chemischen Substanzen diese Kommunikation unterlaufen können. Man weiß auch, dass Hormone die Entwicklung bei allen Säugetieren auf prinzipiell diesebe Art und Weise steuern, und falls noch irgendwelche Zweifel bestanden haben mögen, so hat die
DES-Erfahrung [Diethylstilbestrol, wurde von 1938 bis 1971 schwangeren Frauen zur Verhinderung von Fehlgeburten verschrieben] die Ähnlichkeit von Hormonstörungen über alle Speziesgrenzen hinweg - den Menschen eingeschlossen - verifiziert. Die zuerst [bei Mäusen] in Laborexperimenten beobachteten DES-bedingten Schäden traten einer nach dem anderen auch bei den Kindern von Frauen auf, die dieses Medikament während der Schwangerschaft eingenommen hatten [Mißbildungen der inneren Fortpflanzungsorgane, was bei der Geburt nicht erkannt wurde, in vielen Fällen mit Eintritt ins Erwachsenenalter Erkrankungen an normalerweise seltenen Krebserkrankungen der äußeren Geschlechtsorgane. Eine Übertragbarkeit der Ergebnisse auf den Menschen wurde bei Markteinführung nicht in Betracht gezogen.]
Man hat die Relevanz der DES-Affäre für Aussagen über andere in den Hormonhaushalt eingreifende Substanzen auch deshalb angezweifelt, weil den schwangeren Frauen und auch den Versuchstieren so ungemein hohe Dosen davon verabreicht worden waren. Doch während die frühen Experimente noch mit hohen Dosierungen gearbeitet haben, so hat man in jüngster Zeit auch bei sehr viel geringerer Dosierung feststellen müssen, dass die Ergebnisse keineswegs weniger besorgniserregend waren. In manchen Fällen richtet eine hohe Dosis unter Umständen paradoxerweise weniger Schaden an als eine niedrigere Dosierung. Bei seinen Studien zum Einfluss gering dosierter DES-Mengen stellte
Frederick vom Saal fest, dass die Reaktion eine Zeitlang mit steigender Dosierung zunimmt, dann aber, mit einer weiteren Erhöhung der DES-Dosis, wieder schwächer wird.
Vom Saals Dosis-Wirkungskurve ähnelt einem umgedrehten U. Die Gestalt der Kurve ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Beurteilung jeder Wechselwirkung zwischen dem endokrinen System und synthetischen Schadstoffen: Niemals linear und auch nicht immer in dieselbe Richtung verlaufend, scheint das umgedrehte U charakteristisch für Hormonsysteme zu sein. Das heißt, deren Verhalten gehorcht nicht den Grundvoraussetzungen der klassischen Toxikologie, denen zufolge sich die Wirkung einer Substanz mit zunehmender Dosis linear erhöhen sollte. Dies aber bedeutet, dass man bei der Untersuchung sehr hoher Dosen einige der Effekte übersieht, die man beobachten würde, wenn man die Tiere mit geringeren Dosen behandelte. Das umgedrehte U ist ein weiteres Beispiel dafür, dass die Wirkung von Substanzen, die in das endokrine System eingreifen, die vorherrschenden Ansichten zur Toxizität von Chemikalien zu erschüttern vermag. Rückschlüsse, die aus Ergebnissen von Experimenten mit hoher Dosierung gezogen werden, können in manchen Fällen dazu führen, dass man die Risiken einer geringeren Dosierung erheblich unter- statt überschätzt.
Die Tatsache, dass geringste Mengen Levonorgestrel offenbar imstande sind, den Hormonhaushalt vieler Frauen völlig durcheinanderbringen, während das bei höheren Dosierungen nicht der Fall zu sein scheint, erscheint m.E. nach dadurch in einem sehr plausiblen Licht.