ich hab jetzt der redakteurin, die den artikel geschrieben hat, sowie der chefredakteurin folgende mail geschrieben:
Sehr geehrte Frau Frank, sehr geehrte Frau Jankl!
Ich bin schon seit vielen Jahren treue Leserin Ihrer Zeitschrift und seit einem Jahr auch Abonnentin. Ich habe mir in Ihrer Zeitung immer viele tolle, nützliche Anregungen geholt, und war über all die Jahre immer sehr zufrieden.
Der Artikel "Wie verhüte ich richtig?" in der aktuellen Woman ist zum ersten Mal ein Artikel, von dem ich massiv enttäuscht bin. Sie preisen schon im Header an "Plus: Vor- und Nachteile der Mittel". Ich habe mir alles genau durchgelesen. Bei den hormonellen Verhütungsmitteln steht genau einmal so etwas wie ein "Nachteil", und zwar bei der Pille: Keine Sicherheit bei Durchfall oder Erbrechen, da es oral eingenommen wird. Bei "natürliche Verhütung" (wobei auf "natürliche Verhütung" nicht näher eingegangen wird) steht: gilt als unsicher! Ich habe also genau 2 (!!!) Nachteile für 9 Verhütungsmethoden gefunden. Das impliziert, dass 7 Methoden keine Nachteile haben.
Ich weiß nun nicht, ob es sich hierbei lediglich um eine schlampige Recherche handelt, oder ob der Artikel von Pharmafirmen gesponsert wurde (dieser Eindruck drängt sich nämlich sehr unangenehm auf). Eine kleine Abfrage bei Google ergibt alleine für den Suchbegriff "Nebenwirkung Pille" folgende Liste:
Mögliche Nebenwirkungen:
• Kopfschmerzen
• Depressionen
• Schlafstörungen
• Zwischenblutungen
• Ausfluss
• Candidose
• Gewichtszunahme durch Wassereinlagerungen
• Gewichtszunahme durch appetitsteigernden Effekt von Gestagenen
• Übelkeit
• Spannung in den Brüsten
• Ausbleiben der Regel
• Verminderung bis Verschwinden der Libido
Von dieser Liste kann ich als ehemalige Pillenverwenderin (ich habe 10 Jahre lang die Pille eingenommen) folgende Nebenwirkungen unterschreiben: Kopfschmerzen, Schlafstörungen, Zwischenblutungen, Gewichtszunahme, Verschwinden der Libido.
Im Fragebogen steht dann zB beim Punkt "ich möchte eine Methode, die ich jederzeit ohne hormonelle Nachwirkungen absetzen kann" und bei der 3-Monats-Spritze ist ein Kreuzchenfeld gesetzt. Ich habe nach der Pille 3 Jahre mit der 3-Monats-Spritze verhütet. Ich habe sie im April 2004 abgesetzt und hatte bis Dezember 2005 (!!!) ständig Schmierblutungen. Bis sich der Zyklus nach der Spritze wieder halbwegs normalisiert hat (ich habe immer noch sehr kurze Zyklen), hat es über 2 Jahre gedauert. Und ich bin da kein Einzelfall.
Zur Hormonspirale ("Mirena"): da kam Anfang des Jahres eine Stellungnahme von der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, wo explizit angeführt wird, dass die Patientin darauf hingewiesen werden soll, dass es unter der Mirena zu psychiatrischen Erkankungen kommen kann (siehe auch:
http://www.akdae.de/20/20/20090501.html). Ihr Artikel preist die Hormonspirale an "Ideal bei starken Blutungen"... Keine Nachteile angeführt...
Zu den übrigen hormonellen Verhütungsmitteln möchte ich nicht näher eingehen.
Und in diesem Artikel, wo so viele hormonelle Verhütungsmethoden angepriesen werden, ja empfohlen werden, die - wie ein kleinwenig Recherche gezeigt hätte - massive Nebenwirkungen haben, fehlt mir eine Verhütungsmethode. Die einen Pearl-Index hat, der dem der Pille entspricht, die keine Nebenwirkungen hat und die obendrein noch unschlagbar billig ist. Die "symtothermale Methode"
http://de.wikipedia.org/wiki/Symptothermale_Methode nach der AG NFP. Zugegeben, die Methode verlangt einiges an Disziplin und die Bereitschaft, sich mit dem eigenen Körper auseinander zu setzen. Aber Disziplin brauche ich auch bei der Pille, damit ich jeden Tag nicht drauf vergesse, die Tablette zu schlucken.
Ich selbst beobachte seit Dezember 2005 meinen Zyklus mittels NFP. In dieser Zeit habe ich es geschafft, dass meine Haut (ich hatte früher starke Akne) mittlerweile viel schöner aussieht, ich wurde mein Übergewicht los (die 3-Monats-Spritze hat mir doch 15 kg mehr auf der Waage beschert, was zB auch nicht als Nachteil in Ihrer Liste aufgeführt ist), meine Libido ist in vollem Umfang zurück gekommen.
Ich möchte deshalb Ihren Fragenkatalog aus der Sicht einer NFP-Anwenderin beantworten bzw kommentieren:
Ich möchte nicht täglich an die Verhütung denken bzw. bin eher vergesslich: ich habe mir als Morgenroutine angewöhnt, dass ich gleich nach dem Weckerpiepsen mein Thermometer, das griffbereit am Nachtkästchen liegt, in den Mund stecke. Das hat noch dazu den Vorteil, wenn ich kurz wieder wegdöse, werde ich nach einigen Minuten wieder vom Piepsen des Thermometers geweckt. Es ist übrigens eine Falschmeldung, dass jeden Tag zur selben Zeit gemessen werden muss. Auch mit unterschiedlichen Weckzeiten haben die Anwenderinnen in den meisten Fällen auswertbare Zyklen.
Der Wunsch nach Kindern ist da, aber ich möchte noch ein paar Monate warten: Durch NFP hat sich bei mir kein Kinderwunsch eingestellt. Im Gegenteil, im Moment möchte ich keine Kinder, und ich kenne viele NFP-Anwenderinnen, die absolut keinen Kinderwunsch haben und die dennoch der Methode vertrauen.
Ich möchte keinerlei Nebenwirkungen von Verhütungsmitteln riskieren: JA!
Ich stille gerade: n/a
Ich habe eine empfindliche Verdauung: ja, ich bin laktoseintolerant. Schon allein aus diesem Grund ist die Einnahme der Pille für mich nicht ratsam (in jeder Pille, die in Österreich auf dem Markt ist, ist Laktose enthalten)
Ich kenne meinen Körper sehr gut und möchte lieber nichts einnehmen, auch wenn das einen größeren Zeitaufwand bedeutet: Temperatur messen: 2 Min., in die Kurve eintragen: 15 Sek., Zervixschleim/Muttermund überprüfen: beim Toilettengang, evtl. je 1 Min. - ich verstehe offen gesagt nicht, was Sie unter "größerem Zeitaufwand" verstehen, aber keine 5 Min. pro Tag ist für mich nicht "größerer Zeitaufwand". Abgesehen davon: vor NFP kannte ich meinen Körper nicht - aber durch NFP habe ich meinen Körper kennen gelernt.
Ich bin über 35 Jahre alt: ich bin nun 35 und habe mit 31 mit NFP begonnen.
Ich möchte eine Methode, die ich jederzeit ohne hormonelle Nachwirkungen absetzen kann: wieso sollte ich NFP je absetzen? Selbst, wenn ich auf einmal Kinderwunsch verspüren sollte, umso besser, dann kann ich mit Hilfe von NFP gezielt versuchen, schwanger zu werden.
Vor und während der Regel habe ich häufig Migräne: n/a, da ich keine Migränepatientin bin.
Sollte ich dennoch schwanger werden, ist das auch kein großes Problem: Bei korrekter Anwendung (= Abstinenz in der fruchtbaren Zeit) liegt der PI bei 0,4. Wenn ich aber während der fruchtbaren Zeit mit Kondomen und/oder Diaphragma (das hat mir übrigens in der Methodenliste auch schmerzlich gefehlt... korrekt angewendet liegt der PI bei dem des Kondoms) verhüte, ist das Risiko sehr gering, ungewollt schwanger zu werden.
Ich plane in den kommenden Jahren keine Kinder: JA!
Ich bin Raucherin: nein
Vor der Menstruation bin ich immer schlecht gelaunt und fühle mich depressiv: (Anm.: allein im Hinblick auf die Stellungnahme der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft für diesen Fall die Hormonspirale zu empfehlen, empfinde ich als ausgesprochen zynisch) Ich merke eine leichte Gereiztheit. Da ich allerdings jeden Tag genau weiß, wo ich in meinem Zyklus stehe, kann ich sehr leicht sehen "ach ja, jetzt sollte bald die Regel kommen" - ich empfinde das PMS als zusätzliche Möglichkeit meines Körpers, mit mir zu kommunizieren. Und dadurch, dass ich genau weiß, wo ich stehe, fällt es mir leichter, das "Herumzicken" meines Körpers zu akzeptieren.
Ich habe meine Familienplanung schon abgeschlossen: wenn ich das hätte, dann würde ich den Schritt gehen und meine Eileiter durchtrennen lassen (Sterilisation fehlt übrigens auch bei den Verhütungsmethoden).
Ich bin unter 18 Jahren: nein, aber im größten deutschsprachigen Forum zum Thema "NFP"
http://www.nfp-forum.de/ sind auch einige unter-18-jährige dabei - und die werden auch nicht ungeplant schwanger...
In meiner Familie gab es schon Thrombosen: ja - mit ein Grund, warum hormonelle Verhütung in meinem Fall suboptimal ist.
Ich befinde mich in einer fixen Partnerschaft und weiß, dass mein Partner kein HIV hat: ja
Ich habe momentan keinen fixen Partner: n/a, in meinem Bekanntenkreis beobachten allerdings einige Frauen, die häufig wechselnde Partner haben, ihren Zyklus mit NFP - und verhüten dann mit Kondomen. Hat für sie den Vorteil, dass sie nach einer Kondompanne in der "Hochlage" (= Zeit nach dem Eisprung) nicht um die Pille danach laufen müssen.
In meiner momentanen Situation wäre eine Schwangerschaft ein Problem: Problem nicht, aber definitiv nicht erwünscht. Aufgrund des niedrigen PI ist eine Schwangerschaft allerdings nicht wahrscheinlicher, als wenn ich Pille & Co anwenden würde. Abgesehen davon ist diese Frage nur das Gegenteil von Frage 10 "Sollte ich dennoch schwanger werden, ist das auch kein großes Problem" - interessant ist nur, dass die Kreuzchenfelder nicht das genaue Gegenteil von Frage 10 sind. Was ist in diesem Fall mit Pille, Vaginalring und Hormonpflaster?
Der einzige "Nachteil", den NFP für die Frau hat: sie muss die Bereitschaft haben, die Methode lernen zu wollen. Das geht allerdings ziemlich rasch, und Sie werden es nicht glauben: es macht sogar Spaß!
Der Nachteil, den NFP für die Pharmaindustrie hat: die Anschaffung eines Thermometers kostet nicht ganz 5 EUR. Die Zyklusblätter kann man kostenlos im Internet runter laden. Ein Buch, um die Methode zu erlernen, kostet ca. 15 EUR. Dh, mit 20 EUR (was in etwas dem Preis der hormonellen Verhütung für 1 Monat entspricht) kann ich sehr präzise sagen, wann meine fruchtbaren Tage sind und ab wann ich wieder unfruchtbar bin. Das ist natürlich ein Nachteil für Pharmafirmen, die mit der hormonellen Verhütung quasi die "eierlegende Wollmilchsau" geschaffen haben: eine gesunde Frau, die sonst keine Veranlassung hätte, zu einem Arzt zu gehen und Medikamente zu schlucken, nimmt monatlich über einen längeren Zeitraum ein Medikament ein. Und wenn sie deshalb doch Nebenwirkungen hat? Wunderbar, dann verschreiben wir ihr dagegen einfach das nächste Medikament... Freut den Shareholder, aber nicht die Patientin...
Ich hoffe, Sie verstehen nun, warum ich von diesem Artikel so maßlos enttäuscht war. Vielleicht wollen Sie ja einmal eine ausführliche, gut recherchierte Reportage zum Thema "symtothermale Verhütung" bringen - das würde mich wiederum sehr freuen.
Herzliche Grüße und ein schönes Wochenende!
M. M.